Das jägerschnitzel  –  eine nostalgische betrachtung ostdeutscher Art

Bayern und Hessen berichteten über ihr ›Entsetzen‹ in der Nachwendezeit, als sie sich ein »anständiges« Schnitzel mit Pilzen auf dem Teller vorstellten, stattdessen aber gebratene Jagdwurst mit recht süßer Tomatensoße und Kartoffelbrei oder Nudeln vorgesetzt bekamen!

Stille Nostalgie
Stille Nostalgie

Umgekehrt staunten die Kollegen aus Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Brandenburg nicht wenig über den ›halven Hahn‹ in Köln, weil sie sich statt des halben Roggenbrötchens mit Käse ein halbes Brathähnchen vorgestellte hatten, halt nur ›schlampert‹ ausgesprochen.
Mit der Zeit haben wir die Missverständnisse ausgeräumt, wozu sicher auch unsere deutsch-deutschen Ehen beigetragen haben. Und so mancher Hesse bäckt inzwischen die leckerste sächsische Eierschecke, die man sich überhaupt nur vorstellen kann. An den ›Wurstgulasch‹* seiner brandenburgischen Frau hat er sich allerdings noch nicht gewöhnt ...

Allen, die bisher schlechte Erfahrungen mit dem ›Jägerschnitzel‹ à la DDR gemacht haben, sei’s gesagt: Eine ostdeutsche Erfindung ist die panierte und gebratene Jagdwurst wohl nicht. Der Name schon eher, obwohl der ja naheliegt mit ›Jagd‹ und ›Jäger‹. Die Bezeichnung des Gerichts ist nur verwirrend, wenn man nicht weiß, was drin steckt in der Panade.
Italien-Fans kennen vielleicht ein ähnliches Gericht: ›Mortadella fritta‹, zum Beispiel in der Emilia eine beliebte Vorspeise aus Bolognas berühmtester Fleischwurst-Sorte. Vielleicht servierst Du das ›Jägerschnitzel‹ einfach mal als ›Mortadella‹ mit Ciabatta und Tomatensalat mit frischem Basilikum? Schon schmeckt‘s nicht nach DDR, sondern nach Emilia-Romagna! Meinetwegen auch nach Toskana, Lombardei oder Piemont. – Nach Urlaub eben.

Quelle n-tv – Heidi Driesner 15. März 2007 – gekürzt

 

* Anmerkung der FEINEN KÜCHE:  Die Frage über den Wurstgulasch sollte sich  erübrigt haben, denn jener wird mittlerweile in Tütenform von ›MAGGI fix & frisch Würstchen Gulasch‹ und auch von Carl Heinrich Theodor Knorrs Unternehmen bundesweit vertrieben, wobei sich FEINE KÜCHE sicher ist, ohne ihr Rezept zu kennen, dass jenes der brandenburgischen Frau besser schmeckt.


Es ist Kult und Tradition in ostdeutschen Landen  – das Jägerschnitzel!

 

FEINE KÜCHE hat das Ihre dazu beigetragen, dass es so bleibt.

»Opa, ist noch ein Jägerschnitzel da?«, fragte mein Enkel (12 Jahre), am gemeinsamen Mittagstisch, nachdem er schon zwei Scheiben »Schnitzel« mit Spirelli und Tomatensoße verspeist hatte.
»Na klar – Felix«, sagte ich und ging noch eines aus der Küche holen.
»Du bist der allerbeste Opa!« – strahlte er, als ich zurück kam und dieses auf seinen Teller legte …

Das macht stolz, liebe Freunde – das macht stolz!


Jägerschnitzel mit Letscho-Sosse und Spirelli

Heute kommt das berühmte Jägerschnitzel mit LETSCHO-Soße auf den Tisch.

Letschosoße – was ist das? – werden jetzt einige wohl fragen.

 

Letscho, im ungarischen Lecsó geschrieben, ist ein Schmorgericht der ungarischen Küche, das grundsätzlich aus Speck, gelber Spitzpaprika, Tomaten und Zwiebeln zubereitet wird. Letscho ist in Ungarn eine Hauptmahlzeit, oft wird noch Lecsókolbász (eine ungarische Wurstsorte) Wein und Reis hinzugefügt.

 

Das Gericht war und ist in Ostdeutschland sehr beliebt als Beilage zu Grillgerichten, Bratwurst und anderen Fleischgerichten. Es wird im Glas angeboten. Dieses Letscho weicht allerdings stark vom Original ab, was aber keinen hier interessiert, es ist unser Letscho. – In anderen Teilen Deutschlands ist es nicht sehr verbreitet, wenn nicht einmal bekannt – oder doch?

Fangen wir also an zu kochen:


Zutaten:

Jägerschnitzel

 4 Scheiben

 

2 Esslöffel

1

 

Letscho-Soße

1 Glas

15 Gramm

2

1

60 Gramm

2 gehäufte TL

1

1 gehäufter TL

 

Nudeln

500 Gramm

 

 

Jagdwurst (etwa 1 cm dick geschnitten)

Mehl

Ei (Größe L)

Paniermehl

 

Letscho (680 Gramm)

Marina (Magarine)

mittlere Zwiebeln

Knoblauchzehe

Bauchspeck

Tomatenmark

Lorbeerblatt

Gemüsebrühe (Instand)

Salz und Pfeffer

 

 Spirelli



Los geht’s:

 

Zuerst trennen wir Paprika von ihrer Soße, indem wir  den Inhalt des Glases ›Letscho‹ über eine Schüssel in einen Durchschlag gießen. – Verwendet wurde ein Glas ›Letscho-Gemüse‹ mit gelben und roten Spitzpaprika vom Spreewaldhof. – Regionalität muss sein.

Den Bauchspeck schneiden wir, wie auch die Zwiebel, in Würfel und hacken die Knoblauchzehe sehr fein. Schließlich stellen wir das Tomatenmark bereit.


In einem entsprechenden Kochtopf braten wir in

15 Gramm Marina die Speckwürfel bei mittlerer Hitze golden au, fügen die Zwiebel sowie den Knoblauch hinzu und dünsten beides etwa

2 Minuten glasig an. Dann 2 Teelöffel Tomatenmark untergerühren und noch etwa 1 – 2 Minuten anrösten lassen.


Als dritten Schritt gießen wir die Tomatensoße vom Letscho auf und geben noch 100 ml Wasser dazu. Die Gemüsebrühe einstreuen, das Lorbeerblatt einlegen, umrühren und alles eine ½ Stunde bei halb geschlossenen Deckel sanft köcheln lassen. Evtl. später noch etwas Wasser zugießen, falls die S0ße zu dicklich wird.

Nach dieser Zeit geben wir den Paprika aus dem »Letscho« hinzu, rühren ihn unter die Soße, schmecken alles noch mit mit frisch gemahlenen schwarzen Pfeffer ab und salzen evtl. etwas nach.

Bei ganz milder Hitze halten wir die Letscho-Soße bei geschlossenem Deckel warm.


Jetzt kommt das Highlight des Gerichtes: Die Zubereitung des berühmten Jägerschnitzels:

Dazu schneiden wir die Jagdwurst (anderen Orts auch Schinkenwurst, Stuttgarter oder Schützenwurst genannt) in etwas 1 cm dicke Scheiben. Hier nehmen wir die süddeutsche Art mit Senfkörnern gewürzt – die müssen sein!

 

Jetzt wird es aber auch Zeit, das Kochwasser für die Spirelli anzusetzen. Natürlich werden wir ostdeutsche Spirelli kochen, jene aus Riesa aus dem Landkreis Meißen in Sachsen:

»Schlemmerliebling Spirelli« – die sind gerade die Richtigen dafür!


Reichlich Wasser bringen wir in einem großen Kochtopf zum kochen und fügen natürlich Salz hinzu: 10 Gramm auf einen Liter Wasser.

 

Jetzt wird die Panade zubereitet. Zum mehlieren Weizenmehl auf einen Teller geben, in einer kleinen Schüssel das Ei mit einer Gabel gut verschlagen und letztlich in ein zweites Schüsselchen geriebene Semmel füllen.

Jede Jagdwurstscheibe wird nun in Mehl gewendet, überschüssiges Mehl abgeklopft, dann in das Ei und schließlich mit den Semmelbröseln rundum paniert. Panade etwas andrücken.


Inzwischen kocht schon das Wasser und wir haben die Spirelli in jenes gegeben. Nach Packungsanweisung  kochen wir sie perfekt italienisch »al dente« gar, aber noch mit Biss.

 

Das Finale: In einer Pfanne erhitzen wir  reichlich Magarine (man kann auch Butterschmalz nehmen, das ist noch feiner), und braten unsere Jägerschnitzel auf jeder Seite etwas 2 – 3 Minuten golden, schön knusptig aus.

 

Jetzt können wie anrichten und servieren:

Auf jeden Teller reichlich Spirelli geben und darauf geben wir 3 – 4 Esslöffel der Letscho-Soße. Jägerschnitzel anlegen und mit Peterslie garnieren.

FERTIG:


Jägerschnitzel mit Letscho-Soße und Spirelli
Jägerschnitzel mit Letscho-Soße und Spirelli

Epilog – Eine kleine Erinnerung

Ich war 14 Jahre alt, als ich im Schleifmaschinenwerk Karl-Marx-Stadt im Sommer in den Schulferien  ein paar Mark Taschengeld verdiente. Ein Zubrot zum Spargeld für ein schickes ›Diamant‹-Sportfahrrad, was ich mir sehnsüchtig kaufen wollte und das ich schon oft im Schaufenster bewundert hatte. – Nein, ich ›jobbte‹ nicht, wie man heutzutage sagen würde. – ›Jobben‹ kannte man nicht,  jobben wäre klassenfeindlich gewesen, also Arbeit, arbeiten war besser, – ferienarbeiten sozusagen.

 

Es war Mittagspause und wir standen an der Essenausgabe der Werksküche, ›meine‹ Brigade und ich. Es gab ›Jägerschnitzel‹. Mit unseren Tellern gingen wir zu unserem Esstisch.

»Na, Golleesche«, sagte mein Brigadier im schönsten sächsisch, »da hau ’ma rein, Golleesche!« und schlug mir auf den Rücken, dass ich fast über den Teller fiel.

»Groß und gräftsch mussde sein, wenn de Arbeeder wärn wilschd!«

Ich sagte nichts und nickte nur diplomatisch. »Groß und gräftsch« wäre schon gut, nur Arbeiter wollte ich nicht werden, ich wollte später etwas mit Kunst machen, das wusste ich damals schon. – Ich haute also rein und ließ es mir schmecken …

 

Das ist jetzt über 50 Jahre her – und glaubt mir, es hat mir damals genauso gut gemundet aus dieser Betriebsküche wie heute, als ich es wieder zubereitete:

Das Jägerschnitzel mit Letschosoße und Spirelli!

Es ist ein Jahrhundert-Gericht, dieses ›Schnitzel‹, zumindest im Osten meines Landes.

Meine beiden Enkel werden es weitertragen …


Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    Belledejour (Donnerstag, 05 Mai 2016 17:43)

    Als eifrige Leserin dieser Seiten mußte ich herzlich lachen, denn auch wir haben mit unsrem *halven Hahn* einige Gäste in Köln schon oft überrascht.

    LG Belle

  • #2

    Martina (Freitag, 06 Mai 2016 13:34)

    Als Studenten mit wenig Geld haben wir das massenweise verdrückt. Mein Mann liebt Jägerschnitzel und ich auch - bis heute. Unsere Kinder lieben es, sie sind gerade Studenten mit wenig Geld ... es wird also weiterleben. Falls Ihr mal auf der A9 kurz vor Berlin unterwegs seid, im Autohof Linthe/Brück, meiner Lieblings-Autobahn-Raststätte, schmeckt das Jägerschnitzel fast wie früher. Und für Auswärtige steht an der Tafel in Klammern extra dabei, um was es sich bei diesem Gericht handelt.

  • #3

    Irmgard (Samstag, 14 Mai 2016 14:56)

    Gerade habe ich mich fast an meinem Espresso verschluckt, als ich diese herrlich nacherzählten sächsischen Textzeilen las.
    Manch eine Bezeichnung eines regionalen Gerichts kann einen tatsächlich echt grübeln lassen. Etwas deutsches fällt mir gerade nicht ein, aber in Südfrankreich gibt es "Pieds et Paquets", die ich sofort umgehen würde. Ich bin eben kein kulinarischer Kenner, der bei Schafsfüßen und kleinen Päckchen aus Schafsmagen-Lappen ausflippt.